Heiterkeit und Grusel
 
 
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Heiterkeit und Grusel

 

Im Karzer des Karolinums                                         Im Markgrafenmuseum

 

Die quicklebendige Stadthistorie Ansbachs

 

Die Treppe hinab stolpern wir hinab ins düstere Zwielicht des Schul-Karzers. Vor uns ist kaum mehr zu sehen als die bröselig-rutschigen Stufen, und unsere Köpfe müssen wir vor der niedrig hängenden Decke schützen. Oben hing ein Skelett, weiter unten baumelt eine Fledermaus-Attrappe vom Gewölbe herab – eigentlich ein Jux, damit sich Fünftklässler fürchten, aber plötzlich geht das Licht aus, und es ist finster-modrige Nacht!

Das ist dann wohl im altehrwürdigen und zugleich hochmodernen Gymnasium Carolinum, je nach Geschmack, der gruselige Höhepunkt der pittoresken Stadtführung des humoristisch hochbegabten Alexander Biernoth für die neuen Lehrer der Ansbacher Staatlichen Beruflichen Oberschule. In diesem furchteinflößenden Strafkeller mussten Schüler des Carolinums noch im 19. Jahrhundert bei Vergehen wie verbotenem „Tobakrauchen“ durchaus einmal vier Stunden ausharren. Aber unsere Besuchergruppe darf die wuchtige Tür schon erheblich früher hinter sich zuschlagen und zurück ans Sonnenlicht der heiteren Barockstadt Ansbach.

Neben einer Bronzetafel für den Dichter Friedrich Güll ("Das Büblein auf dem Eise") sind weitere Stationen der kurzweiligen Tour das Markgrafen-Museum mit einem plastischen Stadt-Modell und vor allem die dortige sorgfältige Kaspar-Hauser-Ausstellung samt kompakter Einführung zu diesem tragischen Findelkind: Über Biografie, Psychologie, staatspolitische Ränkespiele und die Genanalyse des „Unterbeinkleids“ des Mordopfers wölbt sich der thematische Bogen. Biernoth erzählt von Büchern über Hauser, könnte wohl aber auch selbst aus dem Stegreif eines schreiben. Weil in Ansbach die Wege kurz sind, stehen auf dem Programm auch Hausers Gerichts-Arbeitsstelle und die Skulptur „Kaspars Baum“, die zu seinen Ehren 2007 unweit seines Ansbacher Wohn- und dann auch Sterbehauses errichtet wurde.

Nach dem Besuch im Sitzungssaal des Stadtrats erfahren wir Lehrer und unsere Direktorin von dem mutigen Ansbacher Schüler Robert Limpert, der seinen Widerstand gegen den NS-Staat mit dem Leben bezahlte. Ihm soll nun ein Denkmal gewidmet werden soll – auch wenn Teile dieses Stadtrats sich dagegen sträuben. Der weitere Weg führt uns vorbei am ehemaligen Wohnhaus der mildtätigen Adelheid Geuder, das sie 1393 als „Seelhaus“ für arme Kranke stiftete und endet in einer der besterhaltenen Synagogen Deutschlands. Die lichte Barockarchitektur täuscht nicht darüber hinweg, dass die ganze lebendige jüdische Gemeinde im Dritten Reich ausgelöscht wurde. Ihr Bethaus in der Rosenbadstraße wurde nur aus statischen Gründen verschont.

Als die Führung endet, ist die angekündigte Zeit schon überzogen. Ein Lehrer hätte da im Unterricht mit aufheulenden Schülern zu rechnen, aber bei Biernoth hat es kaum einer gemerkt, weil uns die Stadt in ihrer historischen Tiefe und Vielfalt so lebendig vor die Augen trat.

Wolfgang Streit

 

Im Sitzungssaal des Stadtrates                                    In der Synagoge

 

 
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